Wie trage ich Verantwortung für mein Fühlen, ohne mich zu überfordern?
Verantwortung für das eigene Fühlen zu übernehmen bedeutet nicht, an jedem Gefühl selbst schuld zu sein. Gefühle entstehen aus Erfahrungen, Begegnungen, Erinnerungen, Bedürfnissen und dem, was gerade im Leben geschieht. Manchmal werden sie durch das Verhalten anderer Menschen ausgelöst. Trotzdem liegt es in meiner Verantwortung, wahrzunehmen, was in mir passiert, und einen möglichst guten Umgang damit zu finden. Ich muss mein Gefühl weder verdrängen noch ungefiltert an andere weitergeben. Der erste Schritt besteht darin, innezuhalten und das Gefühl zu benennen: Ich bin traurig, wütend, ängstlich, enttäuscht oder überfordert. Allein diese ehrliche Wahrnehmung schafft bereits etwas Abstand zwischen dem Gefühl und meiner nächsten Handlung. Verantwortung bedeutet, mir die Frage zu stellen: Was möchte mir dieses Gefühl mitteilen, und was brauche ich jetzt? Vielleicht benötige ich Ruhe, Trost, eine Grenze, Bewegung, ein klärendes Gespräch oder Unterstützung. Dabei muss ich nicht jedes Gefühl sofort vollständig verstehen. Manche Empfindungen brauchen Zeit, bevor ihre Bedeutung erkennbar wird. Ich darf sie vorübergehend stehen lassen, ohne sie zu bekämpfen. Überforderung entsteht häufig dann, wenn ich glaube, alles allein lösen, jede Ursache finden und sofort wieder funktionieren zu müssen.
Doch emotionale Verantwortung ist keine Daueraufgabe, die perfekt erfüllt werden muss. Sie besteht aus kleinen, machbaren Schritten. Manchmal ist der verantwortungsvollste Schritt, eine Pause einzulegen, einen Termin abzusagen oder zu sagen: „Das ist mir gerade zu viel.“ Auch Hilfe anzunehmen gehört dazu. Ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen oder professionelle Unterstützung bedeutet nicht, die eigene Verantwortung abzugeben. Es kann vielmehr helfen, sie wieder tragen zu können. Wichtig ist außerdem die Unterscheidung zwischen Gefühl und Verhalten. Ich darf wütend sein, ohne jemanden zu verletzen. Ich darf Angst haben, ohne mich für schwach zu halten. Ich darf enttäuscht sein, ohne sofort eine endgültige Entscheidung treffen zu müssen. Jedes Gefühl darf vorhanden sein, aber nicht jedes Gefühl muss unmittelbar bestimmen, was ich tue. So entsteht ein innerer Zwischenraum, in dem ich wählen kann. Verantwortung für mein Fühlen heißt auch, meine Grenzen zu respektieren. Ich muss nicht ständig für die Gefühle anderer verfügbar sein und darf unterscheiden, was zu mir gehört und was beim anderen bleiben muss. Selbstfürsorge ist dabei kein Rückzug aus der Verantwortung, sondern ihre Grundlage. Wenn ich ausreichend schlafe, esse, Ruhe finde und meine Kräfte realistisch einschätze, kann ich bewusster mit meinen Gefühlen umgehen. Ich muss mich nicht beherrschen oder gegen mich selbst kämpfen. Es genügt, mir aufmerksam zuzuhören, freundlich mit mir umzugehen und Schritt für Schritt zu entscheiden, was mir guttut.







