Gab es in deinem Leben einen Moment, in dem du das Gefühl hattest, deine Gedanken oder Gefühle nicht mehr frei aussprechen zu können? – Was hat dazu geführt?
Ja, solche Momente gab es in meinem Leben mehrfach. Besonders schwer wurde es immer dann, wenn meine Gedanken und Gefühle nicht als meine persönliche Wahrnehmung angenommen, sondern sofort bewertet, angezweifelt oder als Krankheit eingeordnet wurden. Dadurch entstand das Gefühl, mich ständig erklären und rechtfertigen zu müssen. Irgendwann schwieg ich nicht, weil ich nichts mehr zu sagen hatte, sondern weil ich fürchtete, erneut missverstanden zu werden. Auch belastende Erfahrungen in Beziehungen und mit Behörden trugen dazu bei. Wenn ich versuchte, auf Gefahren, Sorgen oder seelische Zusammenhänge aufmerksam zu machen, hatte ich häufig das Gefühl, nicht wirklich gehört zu werden. Manche Menschen reagierten mit Abwehr, andere zogen sich zurück oder entschieden bereits über mich, bevor sie meine Worte vollständig verstanden hatten. Aus Sprache wurde dadurch kein geschützter Raum, sondern etwas, das gegen mich verwendet werden konnte.
Mein Schweigen war deshalb zeitweise eine Form des Selbstschutzes. Gedanken und Gefühle blieben im Inneren, obwohl sie dringend einen Ausdruck gebraucht hätten. Sie zeigten sich stattdessen als Traurigkeit, innere Unruhe, Sehnsucht oder das Gefühl, mit allem allein zu sein. Bilder, Musik, Symbole und geschriebene Texte halfen mir dabei, dennoch eine Sprache zu finden. Heute hole ich mir meine Stimme Schritt für Schritt zurück. Ich schreibe, stelle Fragen und erzähle meine Geschichte in meinem eigenen Rhythmus. Dabei lerne ich, dass ich nicht jeden Menschen überzeugen muss. Meine Gedanken dürfen ausgesprochen werden, auch wenn andere sie anders wahrnehmen. Entscheidend ist, dass ich mich selbst nicht mehr zum Schweigen bringe, nur damit es für andere einfacher wird.






